Hallo Xhules, wir freuen uns Dich als neues Mitglied bei uns im Verband begrüßen zu dürfen und bedanken uns, dass du dir Zeit nimmst dieses Interview mit uns zu führen.
Magst Du uns ein wenig mehr zu Dir und Deiner Person verraten? Wer bist Du und wie bist Du zum Piercen gekommen?
Zunächst einmal möchte ich mich herzlich für den warmen Empfang bedanken!
Mein Name ist Xhules (er/ihm), ich bin 31 Jahre alt und arbeite seit Anfang des Jahres im nakedsteel in Berlin. Ich bin vorallem wahnsinnig schlecht darin mich zu beschreiben. Wir versuchen es mal mit ein paar Schlagwörtern: Ex-Pädagog*in, queer, chronisch krank, Mensch mit Migrationshintergrund.
Zum Piercen bin ich gekommen, als ich einen Nebenjob in meiner Studienzeit gesucht habe – Das Piercingstudio in meiner Heimatstadt suchte nach Thekenpersonal (heute würde man das Front of House nennen) und so fand ich von der Theke über den Piercingraum meinen Weg in diesen wunderbaren Beruf.

Danke Dir! Du befindest Dich aktuell in der Ausbildung – was bedeutet Dir das Piercen zu diesem Zeitpunkt persönlich und beruflich?
Man muss dazu sagen, dass ich seit nunmehr sieben Jahren in diesem Berufsfeld tätig bin und ich dementsprechend die Honeymoon-Phase sicherlich schon hinter mir habe. Und dennoch: Ich habe bisher keinen anderen Job (und davon hatte ich schon einige!) so sehr geliebt und so lange gemacht wie das Piercen. Es ist für mich ein Ausdruck körperlicher Autonomie und der Freiheit der Gestaltung seiner Selbst. Es schenkt Selbstbewusstsein und Stolz. Es dient als tägliche Erinnerung, die wir wortwörtlich in unserem Körper tragen. Ich empfinde unglaubliche Demut und Dankbarkeit, dass ich Menschen tagtäglich dabei begleiten darf.
In welchem Ausbildungsmodell befindest Du Dich aktuell und wie sieht Dein Alltag im Studio aus?
Ich befinde mich in einem Trainee Modell, sprich wir fangen nicht bei null an – Da ich bereits mit einiger Erfahrung ins nakedsteel gekommen bin, schenkt man mir mit einigen Dingen schon großes Vertrauen und ich darf bereits eine Menge Aufgaben eigenständig übernehmen.
Ich bin aktuell Dienstags, Donnerstags, Freitags und Samstags regulär im Studio anzutreffen, Mittwochs ist mein ‘Bürotag’ wo ich mich auf unterschiedlichste Weise mit Schmuck beschäftigen darf: Sei es beispielsweise ihn zu bestellen, oder abzulichten. Das finde ich als Elster natürlich richtig gut!
Welche Aufgaben übernimmst Du derzeit schon selbstständig und wobei arbeitest Du noch unter Anleitung?
Aktuell darf ich bereits Troubleshootings, Schmuckwechsel und -beratungen, sowie Dehnungen eigenständig übernehmen. Darüber hinaus darf ich auch schon ein paar Piercings im Alleingang setzen, unter anderem mein Lieblingspiercing. Klein aber oho: Die Kinderohrläppchen.
Ich darf mir bei Allem, wo ich mich selbst noch unsicher fühle, Anleitung dazuholen – Pflicht ist sie bei den Piercings, die wir aktuell noch trainieren oder künftig trainieren werden.
Was bedeutet für Dich verantwortungsvolles Piercen – gerade als Person in Ausbildung?
Verantwortungsvolles Piercen bedeutet für mich, dass uns als ausführende Kräfte immer bewusst sein sollte, dass wir Menschen eine Wunde zufügen.
Seien wir ehrlich: Jeder Mensch, der schonmal in einer körpernahen Dienstleistung oder anderweitig nah mit und am Menschen gearbeitet hat, kennt den Moment, in dem man im Stress oder im Sumpf des Alltags das Gegenüber als Individuum ein wenig aus dem Auge verliert. Ziel sollte es immer sein, ein sicheres Piercing zu schaffen: Sowohl was die Technik, Hygiene und Materialien angeht, als auch den emotionalen, zwischenmenschlichen Aspekt und für letzteres ist offene, klare Kommunikation und ein bedürfnisorientiertes Arbeiten meiner Meinung nach unabdingbar.
Welche Aspekte des Berufs (z. B. Hygiene, Schmuck, Kund:innenumgang) sind Dir aktuell besonders wichtig oder interessieren Dich am meisten?
Aktuell reizen mich vorallem Anatomie und Technik, weil diese die primären Baustellen sind, an denen wir arbeiten. Die Vielfalt an Anatomien und wie man korrekt mit ihnen arbeitet, ist ein schier endloses Feld, was ich in diesem Leben glaube ich niemals vollständig erschließen werde.

Fehler und Unsicherheiten gehören zum Lernprozess dazu. Wie gehst Du mit Situationen um, in denen Du Dir unsicher bist oder etwas nicht wie geplant läuft?
Wie bereits erwähnt, halte ich klare, offene Kommunikation für super wichtig. Dazu gehören auch die weniger schönen Dinge wie beispielsweise, wenn ich einen Fehler mache. Fehler passieren, egal wie sorgfältig man arbeitet und da ich ja ein Interesse daran habe, dass meine Kundschaft mit dem bestmöglichen Ergebnis heimkehrt, bitte ich in Fällen, in denen es nicht glatt läuft, um eine Gelegenheit zur Korrektur. Sollte ich mir bei einer Entscheidung unsicher sein, kann ich mir immer eine zweite Meinung einholen – Für das Sicherheitsnetz bin ich sehr dankbar.
Was war bisher die größte Herausforderung in Deiner Ausbildung?
Piercer*innen sind leidenschaftliche Nerds. Manchmal so leidenschaftlich, dass sie zur übermäßigen Selbstkritik neigen. Diese innere Stimme auszuschalten und auf mein Gefühl zu vertrauen, war glaube ich tatsächlich meine größte Herausforderung bisher.
Was hat Dich motiviert, bereits während Deiner Ausbildung Mitglied im Verband zu werden?
Ich durfte in den letzten 2 Jahren schon so wertvolle Begegnungen machen, die mir durch den Verband ermöglicht wurden, dass es für mich nur logisch war, Teil von etwas zu werden, was mir selbst schon so viel gegeben hat.
Was erhoffst Du Dir von Deiner Mitgliedschaft im Verband für Deinen weiteren Weg?
Dass wir als Piercende immer mehr zusammen finden, uns vernetzen und immer weiter voneinander lernen. Wir wachsen in Gemeinschaft und das möchte ich aktiv mitgestalten. Vorallem würde ich mir persönlich wünschen, dass wir es schaffen noch mehr Nachwuchs möglichst früh an diesem Netzwerk teilhaben zu lassen.
Vielen lieben Dank für dieses Interview. Ich möchte Dir die Möglichkeit bieten, zum Schluss noch etwas zu sagen: Gibt es noch etwas Persönliches oder Besonderes, das Du gerne mit uns teilen möchtest?
Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich diesen Job ausüben darf, dass mir täglich Menschen mit ihren Körpern vertrauen und dass ich ein so schönes Netzwerk an Kolleg*innen habe. Dieses große Glück ist nicht selbstverständlich und ich gebe mir Mühe, ihm immer einen besonderen Platz in meinem Herzen und meinem Bewusstsein zu geben.
Auf viele weitere wunderbare Jahre!